Hasenragout als Symbol der Freiheit
Auf den Speisekarten in Malta findet sich Hase in den verschiedensten Variationen.
Besonders Hasenragout mit Pasta ist sehr beliebt.
Wer in Malta „nur“ Hase bestellt, bekommt oft etwas viel Größeres als ein Wildgericht: eine Fenkata, also ein gemeinsames Essen, ein Ritual, manchmal fast schon ein kleines Fest. „Fenek“ heißt Kaninchen auf Maltesisch; fenkata meint deshalb nicht nur das Tier auf dem Teller, sondern den Anlass: zusammensitzen, reden, lachen, essen (gern mit den Händen), Wein dazu und diese merkwürdige, sehr maltesische Mischung aus Alltag und Ausnahmezustand.
Warum das so ist, hat mit Jagdrecht, Macht und einem ziemlich handfesten Problem zu tun: Kaninchen waren für die Landbevölkerung nicht nur Delikatesse, sondern auch Ernährungssicherheit und Schutz der Ernte.
Ein Gericht, das nach Politik schmeckt
Die historische Tiefe der Fenkata lässt sich kaum erzählen, ohne über die Herrschaft und Geschichte des Inselstaates zu sprechen. Unter dem Johanniterorden (Knights of St John) wurden in Malta nach und nach Gewohnheitsrechte eingeschränkt, darunter auch die Nutzung von Gemeinland und damit verbunden: die Jagd. In der Forschung wird Kaninchenjagd ausdrücklich als Recht über gemeinsames Land beschrieben und zugleich als Mittel, eine Art zu kontrollieren, die die jährlichen Feldernten bedrohte. Genau hier wird das Tier zum Symbol: Kaninchen als „peasant meal“ (Essen der Landbevölkerung) wurde in dieser Logik zu einem Zeichen des Widerstands und stieg parallel kulinarisch auf, bis es als „refined Maltese dish“ galt.
Kurz: Fenkata ist nicht nur Küche, sondern auch Geschichte.
Jagd als Privileg – und als Konfliktstoff
Carmel Cassar zeichnet nach, wie stark Jagd in Malta reglementiert war und wie hart Strafen ausfallen konnten: Bereits im 16. Jahrhundert erließ der Orden Jagdgesetze; einzelne Grand Masters verschärften Verbote, teils mit drastischen Sanktionen. Cassar nennt etwa Regelungen, nach denen Kaninchenjagd streng verboten war und Verstöße mit Ruderdienst auf den Galeeren oder hohen Geldstrafen geahndet werden konnten; selbst das Mitführen von Jagdausrüstung konnte schwere Strafen nach sich ziehen.
Besonders brisant wurde es 1773: Direkt nach seiner Wahl erließ Grand Master Ximenes de Texada ein Edikt gegen Kaninchenjagd und Schlingenstellen – und genau das traf die Landbevölkerung empfindlich. Cassar beschreibt, dass die Bauern das Verbot schlecht aufnahmen, weil sie fürchteten, ihre Felder würden von den „rodents“ (Nagern) verwüstet, wenn die Bestände nicht reguliert würden.
Damit kippt die Erzählung vom „Wild als Luxus“: Für viele war Jagd nicht Sport, sondern Überleben, Proteinzufuhr und Schädlingskontrolle.
L-Imnarja: Wenn das Essen zum Kalenderdatum wird
Wenn es einen Moment gibt, an dem sich Essen, Jagd und kollektive Erinnerung bündeln, dann ist es L-Imnarja (Mnarja), das Fest zu Ehren der Heiligen Peter und Paul. Heute wird es (je nach Programm) rund um den 28. und 29. Juni gefeiert. Beschrieben wird eine Atmosphäre aus Musik, Volkskultur, landwirtschaftlichen Ausstellungen – und dem Duft von Kanincheneintopf/Fenkata in der Nacht.
Was passiert bei einer Fenkata konkret?
Eine Fenkata folgt oft einer eigenen Dramaturgie. Typisch (und genau deshalb so gesellig) ist die Abfolge:
Pasta als erster Akt: häufig Spaghetti mit Kaninchensauce
Dann das Kaninchen: je nach Haus/Restaurant geschmort („stuffat“) oder auch gebraten/frittiert
Davor oder daneben: kleine Vorspeisen (z. B. Innereien) – entstanden auch aus der Logik, aus einem Tier „mehr“ für viele zu machen
Der Kulturkern: Ein Fest, das sich wie Freiheit anfühlt
Kaninchen essen bedeutete in Malta über lange Zeit nicht „Sattwerden“, sondern „Dürfen“.
Wildfleisch neu entdecken: Warum Fenkata ein Trendgericht ist
Die moderne Küche hat das Kaninchenfleisch längst als zarten und vielseitigen Bestandteil wiederentdeckt. Für alle, die nachhaltigen Genuss erleben möchten, ist Wildfleisch eine hervorragende Wahl. Kaninchen wird nicht nur in traditionellen Gerichten wie Stuffat tal-Fenek zubereitet, sondern auch in modernen Variationen, die mit frischen Kräutern, Zitronen und Gewürzen verfeinert werden. Diese Gerichte bieten eine perfekte Kombination aus Tradition und Innovation.
Quellen
Carmel Cassar (1994): Fenkata: an emblem of Maltese peasant resistance? (OAR@UM / PDF). L-Università ta' Malta+2L-Università ta' Malta+2
GuideMeMalta: „A local treat! … traditional Maltese fenkata“. GuideMeMalta
Lovin Malta: „The Whats, Hows, And Wheres … tradition of the fenkata“. Lovin Malta
Yellow (Yellow Pages Malta): „Celebrating Mnarja: Malta's Timeless Harvest Festival“. Yellow Malta
GuideMeMalta: „‘L-Imnarja’ is back! … returns to Buskett Gardens“. GuideMeMalta
Matty Cremona: The Way We Ate (Hinweise auf Kapitel „Rabbit Habit“). Goodreads+1
American Kennel Club (AKC): Erklärung zu „Kelb tal-Fenek“ = „dog of the rabbit“. American Kennel Club